ZAPATA Kunst und Kultur, Stuttgart/Deutschland 2000      3/6
 
  Vorwort zum Katalog  
 
 
 
     
  Arbeiten aus Bronze und Keramik stehen im Mittelpunkt der künstlerischen Beschäftigung von Cem Sagbil.

In einem großen Bogen von gedrungenen, gefäßhaften Gestalten über zeichenhaft geritzte Figuren bis hin zu sehr realistischen Frauengestalten entwickelten sich in den letzten Jahren seine Skulpturen - erdhaft, mythologisch, versponnen bis naturalistisch

Immer schon bildeten Bilder die Begleitmusik: farbexplosive Landschaften, die der 1958 in der Türkei geborene Künstler in unterschiedlichen Farben ausführte, als ob er mit dem Pinsel die Stimmungen der Tageszeiten einfangen wolle.
Auch dies reichte nicht für den Schaffensdrang von Cem Sagbil. Er, der in Istanbul Innenarchitektur studierte, bevor er 1981 an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste anfing, suchte den Kontakt zu Architekten und arbeitete an Außenanlagen von Privathäusern - Mosaiken entstanden, den Bildern an Farbintensität ähnlich.

Mit den abstrakt dekorativen Mosaiken schien eine Grenze erreicht, mit großen realistischen Figuren
eine andere. Eine große Daphne markiert den Umschlagpunkt für Cem Sagbil.
Ausgerechnet Daphne, die sich nur durch Verwandlung vor den Nachstellungen des Gottes Apollon retten konnte.
Bei Cem Sagbil verwandelte sich die Nymphe nicht, blieb in ihrem menschlichen, naturalistischen Körper, aber Kunst und Thema Sagbils erfuhren eine Veränderung:

Sagbil interessierte sich für die, der schönen Daphne nachstellende Gottheit, beschäftigte sich mit Apollo, dem mythologisch mit der Sonne verbundenen Gott. Der Künstler erkannte im apollinischen Prinzip das herrschende, geistige Prinzip der westlichen Welt und suchte nach einem Gegenpol. Dieser wurde ihm nicht der bacchantische Dionysos wie es Nietzsche mit der antiken Tradition sah, sondern Minotaurus, das Mischwesen - halb Mensch, halb Stier

Im östlichen Mittelmeer, insbesondere auf Kreta war der Stierkult in vorhellenistischen Zeiten heimisch.
Dort herrschte Minos, der Sohn Europas,
gezeugt vom olympischen Herrscher Zeus.
Dieser hatte die Schöne in Gestalt eines Stieres von den väterlichen Stranden in Lybien entführt.

Um seine Macht gegen die Brüder zu bezeugen,
bittet Minos Poseidon, den Gott der Meere, um einen Stier. Der Gott gewährt Minos die Macht und verlangt dafür das wunderschöne Tier als Opfer.
Der König vermag sich nicht von dem Tier zu trennen. Sein Opferfrevel wird bestraft: Seine schöne Gemahlin Pasiphae, die Tochter des Sonnengottes Helios, erfasste eine widernatürliche Neigung zu dem Stier. Deren Frucht ist Minotaurus.

Ein Bildhauer, dessen Bildwerke angebunden werden mussten, weil sie so lebendig, ermöglichte die Verbindung, - Daidalos, verehrt als erster Künstler, baute eine Kuh, überzog sie mit Fell und zeigte Pasiphae wie sie sich darin verbergen könne.
Der Stier ließ sich täuschen.

Minotaurus wurde in dem ebenfalls von Daidalos erbauten Labyrinth versteckt. Jährlich mußten ihm sieben Jungfrauen und sieben junge Männer geopfert werden. Die Athener wurden von Minos zu diesem Tribut gezwungen. Erst dem attischen Königssohn Theseus gelang es, Minotaurus zu erlegen. Mit Hilfe von Ariadne, der minoischen Königstochter, entkam er aus dem Labyrinth. Ariadne floh mit Theseus, wurde von ihm aber auf Naxos zurückgelassen.

Durch den Helden aus Athen, also der Stadt, die unter dem besonderen Schutz der jungfräulichen Artemis, Zwillingsschwester Apollons stand, erhielt der kretische Stierkult, der in der Mythenwelt des Mittelmeers eng an matriarchalische Rechtsstrukturen gebunden ist, einen starken Rückschlag. Theseus war es auch, der später die Amazonen vernichtend schlug.

Dionysos, Sohn des Zeus und der Mondgöttin Semele, fand Ariadne auf Naxos und ehelichte sie. Mythologisch scheinen damit die matriarchalischen Strukturen der Welt des Orients und Kretas in der bacchantischen, sinnenfreudigen Welt des Dionysos aufgehoben und in den Gegensatz zur geistigen, jungfräulichen apollinischen Welt Athens gesetzt. Wir wissen, welche Welt siegreich Jahrhunderte bestimmte.

Cem Sagbils Bilder änderten sich mit dem Themenkreis um Apollon und Minotaurus. Er konnte dem Zufall seinen Lauf lassen, gestische Strukturen bestimmen jetzt die Bilderfolgen. Man erkennt halbrunde Formen, schwungvoll gesetzt gegen Geraden. Hier spiegelt sich
die Formenwelt der neuen Skulpturen:

Wie geheimnisvolle Zeichen wirken die runden und sichelförmigen Gebilde auf ihren fragilen Beinen.
Ist es die Sonnenscheibe, die da golden glänzt,
die Mondsichel, die dagegen hält? Stelen der Gestirne, der männlichen, apollinischen Sonne und des weiblichen Mondes? Oder ist es keine Mondsichel, sondern sind es Hörner - Hörner des Minotaurus? Aber auch dann verbindet sich diese Schalenform mit der Mythologie des Weiblichen. Und sieht nicht selbst das Zeichen des Apoll wie ein Fruchtbarkeitssymbol aus?

Cem Sagbil scheint uns doch in die sinnliche, matriarchale Ursprungswelt des Orients zu führen.
Damit schließt er wieder an an seine früheren erdhaften Figuren. Die Arbeiten sind jetzt abstrakter, interpretierbarer, insgesamt ausgesprochen spannend.
 
     
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