Galerie Almelek, Istanbul/Tr 2003      1/3
 
   
 
 
Gleichgewicht

Zwischen lächelnden Fotografien hat er sich, ganz an seine Umgebung angepasst, gesetzt, als wäre es etwas ganz gewöhnliches, versucht lächelnd die Leichtigkeit des Mondes – ja, in diesem Augenblick ist er leicht – auf seinem Schoß auszugleichen. Die Sonne stellt ihn auf die Probe, sie erlaubt ihm sein Gewicht sich selbst zu überlassen, genauso wie es der Mond zulässt ihm seine Leichtigkeit zu überlassen... In Wahrheit ist es jedoch nicht möglich zu begreifen, was das Gleichgewicht erzeugt.

Es ist als beherberge jede der kleinen Bronzeskulpturen Cem Sagbils solch eine kleine Geschichte. Jede hat ihre eigene Welt, dennoch ist es klar, dass sie denselben Zweck haben: Das Gleichgewicht zwischen Sonne und Mond, Westen und Osten herzustellen. Aus welchem Grunde?

Wir müssen weit zurückgehen, um den Grund zu verstehen; man muss zur Mythologie, die die Grundpfeiler der Zivilisation, die Macht, die Menschen und die Liebe begründet, man muss an den Anfang der Geschichte zurückkehren. Dabei treffen wir dann auf Apollon, dem Symbol der westlichen und auf Dyonisos, dem Symbol der östlichen Philosophie. Apollon, welcher der Sohn von Leto und Zeus ist, Apollon, dem Gott der Heilkunde, der schönen Künste, der Dichtung, der leiblichen Betätigung und der wahren Liebe. Dyonisos, der Sohn der Mondgöttin Semele und Zeus, Dyonisos, welcher der Gott der Natur (der Verbindung der Natur mit dem Menschen), des Weines, der Musik und des Vergnügens ist. Cem Sagbil hat in seinen Darstellungen Apollon für den Westen gewählt, doch der Osten nimmt darin im Minotaurus, halb Mensch, halb Stier, Gestalt an. Im Minotaurus, der aus der verfluchten Verbindung Pasiphaes mit einem Stier hervorgeht, dem Stier, den Pasiphaes Mann, König Minos, von Poseidon erhielt, später jedoch nicht opferte und deshalb verflucht wurde.

Seine Holz- und Bronzeskulpturen, Tonkrüge und Bilder, die im Rahmen seines im Jahre 2000 entwickelten Konzeptes entstanden, beschäftigen sich mit dem Zusammenspiel von Westen und Osten, von Apollon und Minotaurus. Mit dem Erscheinen des Menschen kommt dieses Zusammenspiel nun zu einem Ende. Bei dem Versuch, ein unteilbaren Ganzes zu erschaffen, stellt der Mensch das Gleichgewicht her. Der Mensch, der manchmal stark, manchmal seine Kräfte verschwendend, manchmal unbeholfen und ungeschickt, manchmal empfindlich, aber was auch immer geschieht klug und mit gutem Willen ist.

Jede ihrer Geschichten ist unterschiedlich. Jede versucht, gestärkt durch die Vergangenheit/Mythologie, die Unterschiede, deren Ursache in der Zivilisation begründet ist, in der Gegenwart auszugleichen. Eine versucht, ganz ähnlich wie Sisyphos, einen enormen Fels (die Sonne) schiebend, den Gipfel (des Mondes) zu erreichen: Die Arbeit, die er verrichtet ist sinn- und nutzlos, doch Sisyphos ist bis in alle Ewigkeit dazu verdammt. Er kann nicht einmal hoffen, dass diese schreckliche Folter eines Tages ein Ende finden wird. Sisyphos ist ein hoffnungsloser, aber menschlicher Held, da er Vernunft begabt ist.*

Auf diese Weise beschreibt Albert Camus Sisyphos in seinem Essay `Le Mythe de Sisyphe´. Er zeichnet uns ein Bild von Sisyphos, der an den grausamen Foltern trotz allem Gefallen findet, er hebt hervor, dass Sisyohos durch die Freude, die die Vernunft ihm gibt, eine Art Glück aus der Hoffnungslosigkeit erreichen kann und zeigt uns einen Helden, der als Mensch durch die Kraft des Verstandes und der Vernunft die Sinnlosigkeit überwindet. Die Götter bestrafen ihn, können ihn aber nicht unterwerfen.

Der Mensch lässt sich trotz aller Kränkungen nicht unterkriegen. Er umarmt weiterhin mit all seiner Kraft das Leben. Unter den einen Arm nimmt er die Sonne, unter den anderen den Mond – welches schwer, welches leicht ist, diese Antwort liegt nur an ihm selbst – und geht seinen Weg weiter.
 
     
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